Worauf es im Leben wirklich ankommt

oder: Deine Prioritäten richtig bestimmen

Kennst Du schon den wahren Sinn deines Lebens? Wenn dein Ziel im Leben nur darin besteht, eines Tages nicht mehr arbeiten zu müssen, ist dein Beruf vielleicht noch nicht deine Berufung. Deine Arbeit sollte immer ein Teil eines erfüllten Lebens sein und auch bleiben. Die Frage, ob Du nun lebst um zu arbeiten oder arbeitest um zu leben stellt sich somit nicht.

Deinen Blick fürs Wesentlich schärfen

Vielleicht hast Du die nachfolgende Geschichte so oder so ähnlich schon einmal irgendwo gelesen oder gehört. Es sind mittlerweile eine Vielzahl unterschiedlicher Versionen von ihr im Umlauf. Und je nach Fassung war die Intention des jeweiligen Autors dabei auch eine ganz andere. Das vielfach adaptierte Original was der nachfolgenden Fassung folgt, stammt übrigens im Original von Heinrich Böll. Es  trägt den beziehungsreichen Titel  „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“. Doch darum geht es uns zumindest nicht. Wir sind der Meinung, dass Ziele im Leben sehr wichtig sind. Und zu ihrer Erreichung sind Fleiß, Disziplin und Konsequenz notwendig. Bevor Du Dich allerdings auf den Weg zu deinen Zielen begibst, vergewissere Dich, dass es wirklich deine eigenen und vor allem auch die richtigen sind, sonst ergeht es Dir vielleicht eines Tages wie dem Unternehmensberater, bzw. Tourist.

Was dann?

Ein Manager steht in einem kleinen griechischen Fischerdorf am Pier und beobachtet, wie ein kleines Fischerboot mit einem Fischer an Bord anlegt. Er hat einige Thunfische an Bord. Der Unternehmensberater  gratuliert dem Fischer  zu seinem prächtigen Fang und fragt, wie lange er denn dazu gebraucht habe.
„Ein paar Stunden nur. Nicht lange,“ erklärt ihm der Fischer. Daraufhin fragt ihn der Unternehmensberater, warum er denn nicht länger auf dem Meer geblieben sei, um noch mehr Fische zu fangen. „Die Fische reichen mir. Mit ihnen kann ich mich und meine Familie die nächsten Tage gut sehr versorgen“, lächelt der Fischer.
„Aber was tun Sie denn mit dem Rest des Tages?“ fragt ihn der Unternehmensberater daraufhin erstaunt.
„Ich schlafe morgens aus, gehe ein bisschen fischen, spiele mit meinen Kindern, mache mit meiner Frau nach dem Mittagessen eine Siesta, gehe ins Dorf spazieren, trinke dort ein Gläschen Wein, einen Ouzo und spiele Bouzouki mit meinen Freunden. Sie sehen, ich habe ein ausgefülltes Leben.“
Der Unternehmemensberater ist in seinem Element: „Ich habe zwei Studien abgeschlossen und verdiene eine Menge Geld damit, Leute zu beraten. Ihnen helfe ich gerne kostenlos weiter.
Sie sollten mehr Zeit mit Fischen verbringen und von dem Erlös ein größeres Boot kaufen. Das machen Sie so lange, bis sie eine ganze Bootsflotte haben.
Statt den Fang an einen Händler zu verkaufen, könnten Sie direkt an eine Fischfabrik verkaufen und schließlich eine eigene Fischverarbeitungsfabrik eröffnen. Sie könnten Produktion, Verarbeitung und Vertrieb selbst kontrollieren.
Sie könnten dann dieses kleine Fischerdorf verlassen und nach Athen, Hamburg, London oder eine andere Weltmetropole umziehen, von wo aus sie dann ihr florierendes Unternehmen leiten.“
Der Fischer hat aufmerksam und schweigend zugehört: „Wie lange würde das denn dauern?“ – „Hmmm…“, überlegt der Unternehmensberater, „So ca. 15 bis 20 Jahre.“ Der Fischer runzelt die Stirn: „Und was wäre dann, mein Herr?“
Der Unternehmensberater lächelt süffisant: „Dann kommt das beste, guter Mann. Wenn die Zeit reif ist, könnten sie mit Ihrem Unternehmen an die Börse gehen. Sie verkaufen all Ihre Unternehmensanteile und werden sehr, sehr reich sein. Sie könnten Millionen verdienen!“
Der Fischer versteht die Welt nicht mehr. Er schüttelt den Kopf. „Millionen? Aber was denn dann?“
„Dann können sie endlich aufhören zu arbeiten! Sie könnten in ein kleines Fischerdorf in Griechenland ziehen, morgens lange ausschlafen, Fische fangen, mit Ihren Kindern oder Enkeln spielen, eine Siesta mit Ihrer Frau machen, in das Dorf spazieren gehen, am Abend ein Gläschen Wein und Ouzo genießen und mit Ihren Freunden Bouzouki spielen…“
… und dann verstummt er ganz plötzlich.

Und hier Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind, und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt, aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist – der Landessprache mächtig – durch ein Gespräch zu überbrücken versucht.
„Sie werden heute einen guten Fang machen.“
Kopfschütteln des Fischers.
„Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist.“
Kopfnicken des Fischers.
„Sie werden also nicht ausfahren?“
Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpasste Gelegenheit.
„Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?“
Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. „Ich fühle mich großartig“, sagt er. „Ich habe mich nie besser gefühlt.“ Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren,
wie athletisch er gebaut ist. „Ich fühle mich phantastisch.“
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken,die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: „Aber warum fahren Sie dann nicht aus?“
Die Antwort kommt prompt und knapp. „Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.“
„War der Fang gut?“
„Er war so gut, dass ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen …“
Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis. „Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug“, sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. „Rauchen Sie eine von meinen?“
„Ja, danke.“
Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen. „Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen“, sagt er, „aber stellen Sie sich mal vor,
Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen … stellen Sie sich das mal vor .“
Der Fischer nickt.
„Sie würden“, fährt der Tourist fort, „nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?“
Der Fischer schüttelt den Kopf.
„Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden …“, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, „Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben, Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann …“, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen.
„Und dann“, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. „Was dann?“, fragt er leise.
„Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.“
„Aber das tue ich ja schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.
Quelle: Heinrich Böll „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ in: Robert C. Conrad (Hg.): Heinrich Böll. Kölner Ausgabe. Bd. 12. 1959–1963. ©2008 by Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Köln)