Liebeskummer verstehen

Love hurts?
Kann wahre Liebe weh tun?

Liebeskummer- warum er so weh tut und warum das ganz normal ist

Liebeskummer aus wissenschaftlicher und biochemischer Sicht

Liebeskummer – eine der vielleicht schmerzvollsten, aber zugleich auch wertvollsten Erfahrungen deines Lebens.

Kommt ein Schüler zu seinem Meister und fragt ihn: „Meister, wenn du einen Feind hättest, der dir viel Übles getan hat und Du wolltest dich an ihm rächen, was würdest Du ihm wünschen?“ – „Eine Krankheit würde ich ihm wünschen, eine gar scheußliche Krankheit.“ Darauf der Schüler: „An welche Krankheit hast du dabei gedacht?“ – Darauf der Meister: „Ich dachte an Liebeskummer.

Vielleicht hast Du auch schon einmal an dieser Krankheit gelitten oder leidest ja noch immer an den Folgen von ihr? Dann wird die Headline dieses Beitrags vielleicht nicht wirklich auf dein Verständnis stoßen. Ich hab sie in Anlehnung eines zugegebenermaßen eher seichten Schlagers von Siw Malmkwist aus meinem Geburtsjahr 1964 gewählt. Im richtigen Leben kann Liebeskummer eine äußerst schmerzvolle Erfahrung sein, die jedoch nicht nutzlos ist. Bei einzelnen Menschen, die entsprechende (biochemische) Veranlagung haben, sogar äußerst schmerzvoll. Sollten sie es nicht gelernt haben richtig mit ihr umzugehen, kann sie nicht nur sehr lang anhaltend sein, ihnen die Freude am Leben nehmen, körperliche Krankheiten auslösen, sie in Depressionen stürzen, sondern im schlimmsten Fall sogar zu ihrem vorzeitigen Tod führen.

Damit es bei Dir soweit nicht kommt, solltest Du anstelle von „Den Leiden des jungen Werther“ lieber einmal den nachfolgenden Beitrag lesen.
Dieses sehr emotionale und unter Umständen für Dich auch sehr schmerzbesetzte Thema einmal ganz rational anzugehen, wird Dir insbesondere als gefühlvollen Mensch anfangs vielleicht nicht so ganz einfach fallen. Doch glaube mir: Es lohnt sich für Dich! Da Liebeskummer keine unheilbare Krankheit ist, -wäre sie das nämlich, wäre die halbe Erdbevölkerung dauerhaft leidend- hat sie eine Ursache. Damit gibt es auch eine wirksame Medizin gegen sie.

Und ja, dieses Mittel gibt es tatsächlich. Allerdings gibt es das weder in Form von Tropfen, Tabletten oder Spritzen. Das notwendige (Heil)Kraut muss vielmehr erst in Dir selbst wachsen, um seine Wirkung zu entfalten. Die Wirkstoffe dieser wirkungsvollen Medizin lauten: Selbstreflexion, bedingungslose Selbstliebe und Geduld (Zeit).

Um Dir ein besseres Verständnis für die Ursachen des Liebeskummers zu ermöglichen, will ich Dir im folgenden die Forschungsergebnisse der amerikanischen Anthropologin Helen Fisher vorstellen. Auch wenn diese auf den ersten Blick etwas unromantisch anmuten mögen, wirst Du erkennen, warum Liebeskummer derartig weht tut und welche Schmerztherapie nicht nur ihre Symptome bekämpft, sondern ihre Ursachen beseitigt.

Helen Fisher: Expertin (nicht nur) in Sachen Liebeskummer

Die am 31. Mai 1945 geborenen Anthropologin (Ethnologin) und Psychologin Dr. Helen Fisher ist eine wahre Koryphäe in der wissenschaftlichen Betrachtung des Phänomens Liebe. Sie hat nahezu alle Facetten menschlicher Liebesbeziehungen wissenschaftlich untersucht und ist dabei vielen interessanten Fragen auf den Grund gegangen. So beschäftigte sie sich unter anderem damit, was wir an anderen anziehend finden, warum wir uns in einen ganz bestimmten Typ Mensch verlieben und welche Rolle neben den charakterlichen Merkmalen dabei auch biochemische Gesichtspunkte spielen. Interessant sind in diesem Zusammenhang insbesondere natürlich auch ihre Untersuchungen zur Entstehung des extremen Schmerzes Liebeskummer, der nach ihrer These einen evolutionären Zweck erfüllt.
Ihre bemerkenswerte Erkenntnis: Bei leidenschaftlicher Verliebtheit handelt es sich nicht um eine Emotion! Natürlich sind viele und auch sehr intensive Gefühle beteiligt – aber der Vorgang des Verliebens selbst ist ein Trieb, der bereits vor Millionen von Jahren entstanden ist.

„Die Tatsache, dass Verliebtheit tief im Stammhirn wirkt, lässt dich glauben, dass Du ohne diesen Mensch nicht mehr leben kannst, weil er von Dir irrtümlich als ein Bestandteil deines Überlebenssystems interpretiert wird.“ Diesen Umstand betrachtet Fisher als die kausale Ursache des Schmerzes der Dich erfasst, wenn deine Gefühle für einen Menschen nicht erwidert werden.

Diese neue Verständnis von Liebeskummer kann durchaus befreiend wirken.
Denn was immer auch gerade mit Dir geschieht: Du wirst nicht nur damit fertig werden, sondern auch daran wachsen. Liebeskummer ist normal. Zumindest wenn Du wirklich verliebt bist und aufgrund deiner Biochemie einem speziellen Liebestyp zuzuordnen bist. Es ist nämlich normal, nicht normal zu sein, wenn Du richtig verliebt bist. Es ist „normal, dass Du nicht essen und nicht schlafen kannst. Es ist normal, dass Du nicht aufhören kannst, an den geliebten Menschen zu denken, es ist „normal“, dass Du Dich nicht mehr auf wichtige Tätigkeiten konzentrieren kannst. Es ist „normal“, dass dieser Mensch morgens das erste und abends das letzte ist, an das Du denken musst. Es ist „normal“, wenn Du bei dem Gedanken an ein Leben ohne ihn/sie Tränen des Schmerzes vergießt, als wenn Du einen Dir nahestehenden Menschen durch Tod verloren hast.

Fisher erforschte, was biochemisch in deinem Körper passiert, wenn Du vom Liebeskummer überwältigt wirst. Dazu schob sie Testpersonen, die alle kurz zuvor von einer geliebten Person verlassen worden waren, in einen Hirnscanner und unterzog sie einer sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT). Der fMRT-Scanner ist in der Lage, schon kleinste Veränderungen des Stoffwechsel in den untersuchten Hirnregionen festzustellen: Da die Areale der Großhirnrinde bei verstärkter Aktivität mehr Sauerstoff und Glukose benötigen, steigt der Blutzufluss in diesen Regionen. Die Durchblutungsänderungen werden durch die fMRT sichtbar gemacht.

Das erste was Sie dabei entdeckte war eine verstärkte Aktivität der VTA (ventral tegmental area), dem ventralen Tegmentum. In der VTA ist das Belohungssystem zu Hause, welches durch die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin ein high on emotion bei dir bewirkt. Doch es ist nicht nur die Quelle der Emotionen, die Du während des Verliebtseins fühlst, sondern eben auch Auslöser der Gefühle, die ein Drogenabhängiger nach einer Dosis empfindet.

Doch selbst wenn deine Liebe nicht mehr erwidert wird, ist im VTA noch eine verstärkte Aktivität feststellbar. Dies führte Fisher zu der Schlussfolgerung, dass Du als unglücklich Verliebter nach einer Trennung sogar noch heftiger als vor der Trennung verliebt sein kannst. Dieses Phänomen nennt sie „frustration attraction“.
Dabei versuchst Du noch stärker als zuvor, das zu bekommen, was Du nicht haben kannst und verfällst dabei nicht nur in SelbstmitLeid, sondern auch in völlig destruktive und nicht förderliche „kleinkindliche“ Denk- Fühl- und Verhaltensmuster.

Wenn Dich deine Liebessucht aber genauso abhängig werden lassen konnte wie eine Droge, bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass Dich nur ein kompromissloser, kalter Entzug wieder von der Abhängigkeit zu deinem Objekt der Begierde heilen kann. Dazu ist es notwendig den Kontakt zu der Person, die deine Gefühle nicht erwidert, einzustellen. Vollständig! Kompromisslos. Mach einen endgültigen Cut. Einen anderen Weg gibt es nicht.
Oder wie es Dr. Fisher es ziemlich nüchtern ausdrückt:
„Alkoholiker, die aufgehört haben zu trinken, lassen auch keine Wodkaflasche auf ihrem Schreibtisch stehen.“
Um die Entzugserscheinungen deines Liebeskummers zumindest ein wenig zu lindern, empfiehlt sie aerobes Trainings zur Erhöhung der Dopaminsschüttung. Darüberhinaus erhöht sportliche Aktivität das Level des Glückshormons Serotonin und führt zu einer Linderung deines körperlichen Schmerzempfindens. Damit deine Sehnsucht nicht durch Erinnerungen an den von Dir geliebten Menschen unentwegt getriggert wird, entferne alle dinglichen Erinnerungen einfach aus deinem Sichtfeld.

Du musst sie nicht unbedingt wegwerfen. Sie sind Mosaiksteine, die eine Phase deines Lebens dokumentieren und die unter Umständen schöne Erinnerungen an für Dich bedeutende Momente bleiben.

Wie erkannte (nicht nur) Helen Fisher ganz richtig:
„Die Liebe bringt die größte Freude und den größten Schmerz.“
Leidenschaftliche Liebe ist eines der stärksten Hirnsysteme, die das menschliche Tier entwickelt hat. Als Verliebter kannst Du nicht einfach „auf Kommando“ aufhören zu lieben. Die Sucht lässt sich nicht steuern. Deshalb ist Liebesentzug schrecklich und tut weh. Kurzum: Er kann sich anfühlen wie die Hölle! Es wäre herrlich, wenn Du dieser bewusst entfliehen könntest, aber es geht nicht.

Schmerzen, die ein gebrochenes Herz verursacht, behältst Du wesentlich länger im Gedächtnis als die einer Verletzung: „Auch Jahre später kannst Du Dich an die physischen Qualen des Verlusts von ihm oder ihr erinnern.“

Vielleicht helfen Dir ja die Einsichten Viktor Frankls deinen Liebeskummer zu bewältigen. Er kam nämlich zu der Einsicht, dass es eine unglückliche Liebe eigentlich nicht gibt:

Es gibt keine „unglückliche“ Liebe, kann keine geben; „unglückliche Liebe“ ist ein Widerspruch in sich selbst. Denn entweder ich liebe wirklich – dann muss ich mich bereichert fühlen, unabhängig davon, ob ich Gegenliebe finde oder nicht; oder aber ich liebe nicht eigentlich, ich „meine“ eigentlich nicht die Person eines anderen Menschen, sondern sehe an ihr vorbei nur etwas Körperliches „an“ ihm oder etwa einen (seelischen) Charakterzug, den er „hat“, – dann allerdings mag ich unglücklich sein, dann bin ich aber eben kein Liebender.

Vielleicht hattest Du aber ja auch „nur“ eine Begegnung mit deiner Dualseele und es ging im Kern gar nicht um wahre Liebe, sondern um ihre notwendige Basis namens Selbstliebe.