Projektion als Selbstschutzinstrument

Wen verurteilst Du wirklich?

Ist es wirklich das Problem des Anderen?

Weißt Du eigentlich, was eine Projektion ist? Nun, wenn Du Dich über andere aufregst, jemanden unsympathisch oder ätzend findest, so hat das oft sehr viel mehr mit Dir selbst zu tun, als Dir vielleicht lieb ist.

Projektion ist ein psychologischer Abwehrmechanismus

Bei Projektion handelt es sich um das Phänomen eines psychologischen Abwehrmechanismus. Der Begriff stammt aus der Psychoanalyse. Projektion beschreibt den Vorgang bei dem Menschen eigene, unerwünschte oder belastende Eigenschaften oder Merkmale dadurch verbergen oder verdrängen (zu versuchen), dass sie diese anderen Menschen unterstellen. Bei der Projektion werden psychische Inhalte, vor allem Affekte, Stimmungen und Impulse, aber auch (negative) Eigenschaften, Bewertungen anderen Personen zugeschrieben oder eben auf sie projiziert.

Aber auch bei dir nahe stehenden und geschätzten Menschen kannst Du unter Umständen Projektion als Schutz- oder Abwehrstrategie anwenden. Ob und wie häufig Du Dich dieses Instruments bedienst, ist dabei individuell sehr unterschiedlich. Da es aber eine Menge über deinen „Reifegrad“ als Mensch aussagt, bedarf es neben der Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion natürlich auch der Bereitschaft zur bedingungslosen Ehrlichkeit, Dich dieses Themas anzunehmen. Nicht immer wird Dir nämlich auf den ersten Blick gefallen, was Du da über dich selbst lernst. Wenn Du es erst einmal verstanden hast und Dich einer kritischen Selbstreflexion unterziehst, wirst Du Dich selbst sehr viel besser kennenlernen. Du wirst als Mensch wachsen und so auch endlich erwachsen. Deine Beziehung zu dir selbst und anderen wird deutlich an Qualität gewinnen.

Obwohl Projektion auf den ersten Blick eine schmerzvolle Selbsterfahrung sein kann, macht sie Dir dein Leben in Wirklichkeit nicht schwerer. Vielmehr wirst Du mit der Fähigkeit des zunehmenden Verzichts auf sie deine Meinung von anderen Menschen unter Umständen grundlegend revidieren .

Wie äußert sich Projektion?

Wenn dich ein „unerwünschtes“ Verhalten eines anderen Menschen triggert, dann hat das sehr häufig etwas Dir und deiner Persönlichkeit zu tun. Mit einer Projektion wehrst Du Dich gegen ungeliebte und abgelehnte Facetten deines Selbst: Eigenschaften, Emotionen, geheime Sehnsüchte und Ängste, die Du nicht wahrhaben willst, die Dir peinlich sind, derer Du Dich schämst, die verboten sind, die Du bewertest, (vor)verurteilst, die Du Dir selbst nicht eingestehen willst oder Dir nicht zutraust zuzulassen. Du projizierst sie auf Andere und verurteilst sie an ihnen. Die Aufregung über das Verhalten Anderer gilt in Wirklichkeit Eigenschaften, die Dir an Dir selbst nicht gefallen.

Du  ärgerst Dich über  über einen  Anderen, weil dieser Dinge tut, die Du Dir  selbst untersagst, aber insgeheim  gerne tun würdest.

Die Probleme, die Du  bei anderen Menschen erkennst sind häufig welche, die Du selbst hast. Gelegentlich versuchst Du vielleicht sogar andere Menschen davon zu überzeugen, dass da etwas nicht mit ihnen stimmt und zwar genau in den Bereichen, wo Du selbst eine Baustelle in deinem Leben hast. Du erteilst  anderen Menschen ungebeten Rat, den Du im eigenen Interesse besser selbst befolgen solltest. Hör auf zu missionieren, wenn Du keinen ausdrücklichen Auftrag dazu erhalten hast und kümmere Dich um deine eigene Angelegenheiten.

Werde Dir der nur zu Beginn vielleicht noch schmerzlichen Tatsache bewusst, dass es nicht um die Anderen, sondern in den meisten Fällen um Dich selbst geht.

Projektion im eigenen Verhalten erkennen

Die Kernfrage, die es zu beantworten gilt, lautet hierbei:

Was kann ich durch das, was mich am Anderen stört, über mich selbst lernen?

Anstatt dich also über Eigenschaften, Gewohnheiten oder Verhalten deiner Mitmenschen aufzuregen, solltest Du dich besser selbst einmal fragen, warum ein bestimmter Mensch oder sein Verhalten eine derartige starke emotionale Reaktion in Dir hervorzurufen mag.

Verlässliche Hinweise für Projektion

Achte dabei einmal bewusst darauf, ob die nachfolgenden Schutzreflexe zu deinem Verhaltensrepertoire zählen.

  • Du verwendest Verallgemeinerungen wie „immer“ oder „nie“ im Dialog mit anderen Menschen.
  • Du erkennst in anderen Menschen positive Eigenschaften, die Du bei Dir selbst vermisst.
  • Du siehst in anderen Menschen negative Eigenschaften, von denen Du sicher bist, sie  selbst nicht zu besitzen.
  • Du hast  Probleme damit, eigene Fehler zuzugeben oder Schwächen zu zeigen.
  • Du machst andere für unerwünschte Ergebnisse verantwortlich.
  • Du ignorierst, wenn jemand Dir etwas sagt, was Dir nicht ins Konzept passt..
  • Du verurteilst den Charakter und das Verhalten von Menschen, wenn Du sie nicht nicht magst
  • Du hältst Anderen etwas vor, was ein Teil deiner Persönlichkeit oder deines Lebens ist
  • Du lästerst in Abwesenheit eines Menschen gegenüber Dritten über ihn
  • Du bewertest Menschen (urteilst über sie und verurteilst sie) ohne die Beweggründe für ihr Handeln zu kennen
  • Um deiner Angst vor jemandem auszuweichen, behandelst Du ihn geringschätzig oder gehst ihm einfach aus dem Weg
  • Du bist missgünstig über etwas, was Andere erreicht haben, besitzen oder können und glaubst es stehe Ihnen nicht zu
  • Wenn Du vermutest oder mit Bestimmtheit weißt, dass jemand Dich nicht mag, meidest Du ihn, wie der Teufel das Weihwasser

Wie schon gesagt: Dich mit diesen Wahrheiten zu konfrontieren erfordert anfangs Mut. Aber genau das ist es, was Persönlichkeitsentwicklung ausmacht. Den Mut zu haben, Dich selbst besser kennenzulernen, auch wenn es manchmal zunächst nicht wirklich erfreulich ist. Aber mach Dir keine allzu großen Gedanken. Projizieren macht mehr oder weniger jeder Mensch. Das Bewusstsein dafür haben allerdings nur sehr wenige.

Was Du also als wertvolle Erkenntnis auf deinem Weg der Selbstentwicklung mitnehmen solltest, ist:

Wenn Du projizierst, erkennst Du deine eigenen Themen, Ängste oder Sorgen in anderen Menschen. Das geschieht häufig gewissermaßen reflexartig, ohne dass Du Dir dessen bewusst bist. Was Du tust, ist von Dir auf andere zu schließen.

Wir sehen die Welt nie so wie die Welt ist, sondern immer so wie wir sind.

-Anais Nin-

Wie Du deine Projektion in den Griff bekommst

Solange Du Dir einer Projektion nicht bewusst bist, kannst Du Dich hemmungslos über Gott und die Welt echauffieren und  aufregen. Über die ganzen Idioten da draußen, die Menschen, die immer egoistischer oder selbstbezogener werden, über die Ungerechtigkeit der Welt, über die korrupten Politiker und Menschen, die es nur dank Vitamin B zu etwas gebracht haben. Du kannst über andere  lästern und herziehen um Dich besser zu fühlen. Das wird aber nicht geschehen. Es wird sich auch nichts in deinem Leben ändern.

Es ändert sich erst, wenn Du verstanden hast, dass alle projizieren. Die einen mehr, die anderen weniger. Auch ich bilde da keine Ausnahme. Doch Selbsteinsicht ist ja bekanntlich der erste Schritt zu (Selbst)Verbesserung. Die Belohnung ist, dass Du nicht mehr so gedankenlos über andere urteilen wirst, weil Du ja erkannt hast, dass Du hier selbst und nicht der Andere das wirkliche Problem hat.

Damit wirst Du als  Mensch ein Stück reifer und erwachsener. Und indem Du dich immer öfter fragst: „Was hat das eigentlich mit mir zu tun?“ gewinnst Du sehr viel mehr Kontrolle über deine eigenen Gefühle. Denn, wie Du auch in meinem Buch „Emotions in Motion- Gefühle kann man lernen“  nachlesen kannst, ist erfolgreiches  EmotionsManagement etwas anderes als unerwünschte Gefühle zu leugnen oder zu verdrängen.

Selbsterkenntnis eigener Projektion

Ich habe seit vielen Jahren eine Nachbarin, die ich vom ersten Moment an nie sonderlich gut leiden konnte. Nun sowas soll es ja geben und bekanntlich gibt es keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Doch während meine Gefühle ihr gegenüber anfänglich noch neutral waren, entwickelten sie sich mit der Zeit immer mehr in Ablehnung und Aversion. Was hat sie mir getan?

Nichts! Doch je mehr ich erkannte wie beliebt sie bei allen Anderen war um so weniger mochte ich sie. Hier nur von Neid zu sprechen wäre die Sache etwas zu oberflächlich betrachtet. Denn während ich mir selbst und vielleicht auch meinen engsten Vertrauten weiß zu machen versuchte, niemals so sein zu wollen wie sie, war das genaue Gegenteil der Fall. Denn sie zog durch ihre Art auch Menschen in ihr Leben, die ich auch gern als Teil meines eigenen gehabt hätte, weshalb sie mit verurteilenden Bewertungen versehen wurden. Doch das wollte und „konnte“ ich mir einfach nicht selbst eingestehen. Es dauerte wirklich eine ganze Weile bis ich einsah wie absolut unreif und unerwachsen mein Verhalten nicht nur ihr gegenüber war.

Projektionswahrnehmung lässt Dich persönlich reifen

Ich lade dich als nunmehr „Heranwachsender“ herzlich ein, auf deine begonnene spannende und hoffentlich erkenntnisreiche Entdeckungsreise fortzusetzen. Du hast sie  mit dem Besuch dieser Seite und dem Lesen dieses Artikels begonnen. Wenn Du wirklich bereit bist, dir deiner Schatten bewusst zu werden und deine Worte, Gefühle und Handlungen Schritt für Schritt immer weiter unter Kontrolle zu bringen lernst, liegt die Verantwortung für dein Lebensglück und ein erfülltes Leben ausschließlich in deiner Macht.

Damit Dir das gelingen kann, ist es zunächst einmal notwendig den sicheren Hafen der Projektion zu verlassen. Er bietet Dir in Wirklichkeit keine Sicherheit. Er ist vielmehr eine große Illusion. Du gebrauchst

Bewertungen, Rechtfertigungen, Vorwürfe und Verurteilungen nämlich in Wahrheit  lediglich zum Selbstschutz und als Verdrängungsinstrument. Jetzt solltest Du in der Lage sein zu erkennen, dass deine Beziehungen zu deinen Mitmenschen jedoch unter deinen Projektionen leiden. Dies kann dich dazu bringen, über deine Themen nachzudenken und dein Leben zum Positiven weiterzuentwickeln.

Eigene Projektion bewusst machen und annehmen lernen

Versuch  deine ungeliebten, verdrängten, auf andere projizierten Anteile bewusst wahrzunehmen. Nimm sie als Teil deiner Persönlichkeit an und lerne sie zu akzeptieren. Dadurch wirst du zu echten Gefühlen für dich und andere fähig und begegnest deinen Mitmenschen mit sehr viel weniger Vorbehalten. Du lässt dich dann nicht mehr von deinem Ego leiten und diese Anteile in Dir werden deutlich weniger werden.

Projektionen anderer richtig einordnen können

Da nicht jeder Mensch sich dieser Herausforderung stellt beherzige Don Miguel Ruizˋ Empfehlung:

„Nehmen Sie nichts persönlich. Was andere Menschen tun, hat nichts mit Ihnen zu tun. Die Worte und Taten anderer sind eine Projektion ihrer eigenen Realität, ihres eigenen Traumes. Wenn Sie den Meinungen und Handlungen anderer Menschen gegenüber immun sind, werden Sie nie das Opfer unnötiger Leiden sein.“

aus „Die vier Versprechen. Ein Weisheitsbuch der Tolteken“