Die Kunst der Selbstannahme

Verleugne Dich nicht vor dir selbst

Foto: Max Felner , Bildquelle: unsplash.com

Wenn Du Dich nicht selbst annimmst, kannst Du weder ein Selbstwertgefühl haben, bzw. eins entwickeln. Selbstannahme und Selbstwertgefühl sind sogar so eng miteinander verknüpft, dass beide gelegentlich miteinander verwechselt werden. Sie haben aber dennoch jeweils andere Bedeutungen, und es ist wichtig für dich zu verstehen, was im einzelnen damit gemeint ist. Während das Selbstwertgefühl etwas ist, was Du erfährst, ist die Selbstannahme etwas, was Du tust. Positiv ausgedrückt: Selbstannahme ist deine Fähigkeit, in einem freundschaftlichen Verhältnis zu dir selbst zu stehen. Das Konzept der Selbstannahme hat drei Bedeutungsebenen:

Die erste Ebene der Selbstannahme

Dich selbst annehmen heißt, auf deiner Seite stehen –für dich selbst (da) zu sein. Im fundamentalsten Sinne hat die Selbstannahme etwas damit zu tun, dass Du deinen eigenen Wert schätzt und dich deinem Selbst verpflichtet fühlst –als Ergebnis deines lebendig seins und deines Bewusstseins. In dem Sinne ist sie primitiver als das Selbstwertgefühl. Sie ist ein Akt der Selbstbejahung –ein natürlicher Egoismus, auf den Du ein Geburtsrecht hast und dem Du unter Umständen dennoch aus eigener Kraft zuwiderhandelst und dich darüber hinwegsetzt. Lehnst Du dich auf einer so tiefsitzenden Ebene selbst ab, macht es keinen Sinn hat, auf dein persönliches Wachstum hinzuarbeiten, solange Du dieses Problem nicht gelöst ist. Solange dieses ausgespart bleibt, wird kein Bemühung erfolgreich sein, kein Lernerfolg tatsächlich integriert werden und es werden keine nennenswerten Fortschritte gemacht werden. Es geht um die Einstellung, dich in einem grundlegenden Sinne selbst anzunehmen. Diese Einstellung kann dich beflügeln, dich allen Dingen zu stellen, denen Du dich in deinem Innern stellen musst, ohne in Selbsthaß zu verfallen, deinen Wert als Person selbst in Abrede zu stellen oder deinen Lebenswillen aufzugeben. Zu dieser Einstellung gehört die Erklärung: »Ich beschließe, mich selbst wertzuschätzen, mich selbst mit Respekt zu behandeln und für mein Existenzrecht einzutreten.« Dieser erste Akt der Selbstbejahung ist die Grundlage, auf der sich dein Selbstwertgefühl entwickeln kann.

Die zweite Ebene der Selbstannahme

Zur Selbstannahme gehört die Bereitschaft zu erfahren –das heißt, real ohne Leugnen oder Ausflüchte wahrzunehmen –, dass Du das denkst, was Du denkst, das fühlst, was Du fühlst, das begehrst, was Du begehrst, das getan hast, was Du getan hast und das bist, was Du bist. Es ist die Weigerung, irgendeinen Teil von dir – deinen Körper, deine Emotionen, deine Gedanken, deine Handlungen, deine Träume als dir fremd, als »das bin ich nicht« zu betrachten. Sie ist die Bereitschaft, die Tatsachen deines Seins in einem bestimmten Moment zu erfahren und dich nicht davon zu distanzieren –das heißt, deine Gedanken zu denken, dich zu deinen Gefühlen zu bekennen, der Realität deines Verhaltens gegenwärtig zu sein. Die Bereitschaft, deine Gefühle zu erfahren und zu akzeptieren, bedingt nicht, dass deine Emotionen bei dem, was Du tust das letzte Wort haben (müssen). Wenn Du Schmerzen, Wut, Angst oder in unangemessener Weise Lust empfindest, dann empfindest Du sie; lehne sie nicht als vernunftwidrig ab, leugne sie nicht und versuche ebenso wenig, sie (rational) weg zu erklären. Du fühlst, was du fühlst und DU akzeptierst die Realität deiner Erfahrung. Wenn ich Dinge tust, für die Du dich später schämst, so bleibt dennoch die Tatsache, dass Du sie getan hast; das ist die Realität –und such in deinem Hirn nicht nach Schleichwegen um die Fakten verschwinden zu lassen. Du bist bereit (und in der Lage), dem stand zuhalten, von dem Du weißt, dass es wahr ist. Was ist, ist. »Akzeptieren« heißt mehr als nur »anzuerkennen« oder »zugeben«. Es heißt erfahren, in der Gegenwart stehen, dich mit der Realität befassen und ins Bewusstsein aufzunehmen. Du musst dich unerwünschten Emotionen gegenüber öffnen, sie ungeschmälert erfahren und sie nicht nur oberflächlich erkennen. Dich auf die Erfahrung deiner Gefühle einzulassen, hat eine direkte heilende Kraft. Du kannst irgendeine Tatsache erkennen und dennoch so schnell darüber hinweggehen, dass Du dich nur in der Illusion wiegst Du praktiziertest Selbstannahme: in Wirklichkeit praktizierst Du Leugnen und Selbstbetrug. Nehmen wir an, dass das was Du getan hast ein Fehler war. Du hast den Fehler zugegeben, reicht das nicht? –, womit sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Du den gleichen oder einen ähnlichen Fehler wieder machst. Selbstannahme ist die Voraussetzung für Veränderungen und Wachstum. Wenn Du mit einem Fehler, den Du gemacht hast, konfrontiert werde, so kannst Du, wenn Du ihn als deinen Fehler akzeptierst, daraus für die Zukunft lernen. Aus einem Fehler, von dem Du nicht akzeptierst, dass Du ihn gemacht hast, kannst Du nicht lernen. Wenn Du dich weigerst, die Tatsache zu akzeptieren, dass Du oft unbewusst lebst, wie willst Du dann lernen, bewusster zu leben? Wenn Du dich weigerst zu akzeptieren, dass Du oft unverantwortlich lebst, wie willst Du es dann lernen, verantwortlicher zu leben? Wenn Du dich weigerst zu akzeptieren, dass Du oft passiv lebst, wie willst Du es dann lernen, aktiver zu leben? Du kannst keine Schwäche überwinden, deren Realität Du leugnest. Du kannst keine Eigenschaften ändern, bei denen Du darauf beharrst, dass Du sie nicht hast. Du kannst dir keine Tat vergeben, bei der Du nicht anerkennst, dass Du sie begangen hast Du kannst akzeptieren, was ist (oder war) und entschlossen sein, dich von diesem Punkt aus weiterzuentwickeln. Nicht annehmen, sondern leugnen blockiert. Du kannst nicht wirklich für dich sein und kannst kein Selbstwertgefühl aufbauen, wenn Du dich nicht selbst akzeptieren lernst.

Die dritte Ebene der Selbstannahme

Zur Selbstannahme gehört die Idee des Mitgefühls, dir selbst ein Freund zu sein. Angenommen, Du hast etwas getan, das Du bedauerst oder dessen Du dich schämst und Du dir deswegen Vorwürfe machst. Die Selbstannahme leugnet nicht die Realität, sie sucht nicht nach Argumenten, wonach das, was falsch ist, in Wirklichkeit doch in Ordnung ist; was sie aber tut, ist, dass sie nach den Hintergründen fragt, im Rahmen derer Du das Besagte getan hast. Sie möchte verstehen, warum. Sie möchte wissen, warum etwas, das falsch oder unangemessen ist, dir zu dem Zeitpunkt, als Du es tatst, erstrebenswert, angemessen oder gar notwendig erschien. Auch die rabiatesten Handlungen können vor einem bestimmten Hintergrund durchaus einleuchtend erscheinen. Was nicht heißt, dass sie gerechtfertigt sind; es heißt nur, dass sie nachvollziehbar sind. Du kannst irgend etwas, was Du getan hast, verurteilen und dennoch aus einem (selbst)mitfühlenden Interesse heraus die Motive hinterfragen, die dich dazu veranlasst haben. Ich kann mir dennoch ein Freund sein. Was nicht heißt, dass Du nach Ausflüchten oder nach rationalen Hintertürchen suchst oder dich aus der Verantwortung stehlen willst. Nachdem Du die Verantwortung für das, was Du getan hast, übernommen hast kannst Du tiefer und an die Hintergründe herangehen. Ein guter Freund könnte in dieser Situation zu dir sagen; »Das war deiner unwürdig. Sag, wie kamst du nur auf die Idee, das könnte in Ordnung oder auch nur zu rechtfertigen sein?« Und genau das kannst Du auch zu dir selbst sagen. Ein solches annehmendes, mitfühlendes Interesse fördert keine negative Verhaltensweise, sondern macht sie eher unwahrscheinlich. Wenn wir andere, die uns nahe stehen zurechtweisen oder korrigieren müssen, sind wir in der Regel darauf bedacht, dabei nicht soweit zu gehen, dass deren Selbstwertgefühl Schaden nimmt –da das künftige Verhalten vom Selbstbild geprägt wird. Und mit dem gleichen Wohlwollen solltest Du dir auch selbst begegnen. Das ist die Tugend der Selbstannahme.

Quelle: Die sechs Säulen des Selbstwertgefühls, Nathaniel Branden

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